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Biografien von Chemikerinnen

Biografie Immerwahr

Biografie Immerwahr

Clara Immerwahr (1870-1915): Die erste deutsche Doktorin der Chemie
Clara Immerwahr

Clara Immerwahr zerbrach an dem frauenfeindlichen Wissenschaftssystem sowie an ihrer Ehe mit dem berühmten Chemiker Fritz Haber. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes sah sie sich gezwungen, ihre Karriere in der Forschung aufzugeben. Im Alter von 44 Jahren beging sie Selbstmord.

Clara Immerwahr wurde am 21. Juni 1870 als jüngstes von vier Kindern des Chemikers Philipp Immerwahr und seiner Ehefrau Anna auf dem Gut Oswitz im niederschlesischen Polkendorf (heute polnisch Wojczyce) geboren. Der Vater bewirtschaftete den Gutshof und experimentierte mit Kunstdünger.

Im Sommer lebten die Immerwahrs auf dem Landgut, wo die Kinder Privatunterricht erhielten. Im Winter wohnten sie im 25 Kilometer entfernten Breslau, damals mit 240.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt des Deutschen Reiches. Hier besuchten die drei Töchter eine höhere Mädchenschule. Deren liberale Leiterin erkannte Claras naturwissenschaftliche Begabung, förderte ihr Interesse für Chemie und schenkte ihr ein Fachbuch mit dem Titel „Conversations on Chemistry“. Immerwahr erlangte zunächst den für Frauen höchsten Bildungsabschluss als Lehrerin und arbeitete zeitweise als sogenannte Gouvernante, denn in die Domäne der Wissenschaft vorzudringen, war Frauen damals kaum möglich. Schon Abitur und Studium galten als männliches Privileg.

Mit ihrer Intelligenz und Zivilcourage, mit Hartnäckigkeit und Fleiß setzte sich Immerwahr aber durch. Als Gasthörerin besuchte sie die Breslauer Universität. Ein Physikprofessor machte zwar deutlich, dass er „nichts von geistigen Amazonen“ halte, abschrecken konnte er Immerwahr aber nicht. Sie konzentrierte sich auf die Chemie und verschaffte sich Zugang zu den Laboratorien, um dort zu experimentieren. Der Breslauer Professor Richard Abegg (1869-1910), Chemiker und Vordenker der Valenztheorie sowie der Oktettregel, erkannte ihre Fähigkeiten. Er wurde ihr wissenschaftlicher Mentor und später ihr Doktorvater. Anfangs assistierte Immerwahr ihm beim Experimentieren. Nachdem sie 1897 das Abitur als externe Schülerin an einem Jungengymnasium abgelegt hatte, durfte sie sich als Vollstudentin einschreiben. Drei Jahre später wurde sie im Alter von 30 Jahren mit magna cum laude in physikalischer Chemie promoviert. Die „Provinzial-Zeitung“ von Breslau berichtete am 22. Dezember 1900: „Unser erster weiblicher Doktor. Sonnabendmittag 12 Uhr s. t. fand in der Aula Leopoldina unserer Alma Mater die Promotion des Fräulein Immerwahr statt.“ Immerwahr war die erste deutsche Chemikerin mit einem Doktortitel – wenngleich nicht die erste Chemikerin, die in Deutschland promoviert wurde. Die russische Chemikerin Julia Lermontowa (1847-1919) hatte bereits 1874 den Doktortitel an der Universität Göttingen erhalten.

Nach ihrer Dissertation trat Immerwahr zunächst eine unbezahlte Assistentenstelle an. Einen Heiratsantrag ihres früheren Tanzstundenfreundes Fritz Haber (1868-1934) hatte sie einst abgelehnt. Aber als sie Haber, der ebenfalls in Breslau Chemie studiert hatte, nun wiedertraf, bat er erneut um ihre Hand. Diesmal willigte Immerwahr ein und die beiden heirateten 1901. Sie träumten von einer Ehe nach dem Vorbild von Marie Skłodowska Curie (1867-1934) und ihrem Ehemann Pierre Curie (1859-1906), die gemeinsam in Paris forschten und lebten.

Die Begeisterung für die Chemie war nicht die einzige Gemeinsamkeit von Immerwahr und Haber. Beide stammten aus jüdischen Breslauer Familien, waren aber bereits vor der Hochzeit zum Protestantismus konvertiert. Zum Zeitpunkt der Eheschließung lehrte und forschte Haber als außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Immerwahr arbeitete in seinem Labor, bis im Jahr 1902 Sohn Hermann auf die Welt kam. Während Haber weiterhin in der Wissenschaft aufging, fühlte sich Immerwahr in der Rolle als Hausfrau, Mutter und repräsentativer Professorengattin eingeengt. An ihren Doktorvater Abegg schrieb sie 1909: „Was Fritz in diesen acht Jahren gewonnen hat, das – und noch mehr – habe ich verloren, und was von mir eben übrig ist, erfüllt mich selbst mit der tiefsten Unzufriedenheit.“ Ihre Hoffnungen, wieder mehr in die Forschung ihres Mannes eingebunden zu werden, verwirklichten sich nicht.

1910 zog die Familie von Karlsruhe nach Berlin-Dahlem, wo Haber Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie wurde. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs begann er mit Experimenten zu Kampfgasen und plante deren Einsatz als Massenvernichtungswaffe maßgeblich mit. Immerwahr hingegen bezeichnete die Entwicklung von Giftgasen öffentlich als „Perversion der Wissenschaft“. Die Ehe geriet in eine immer stärkere Krise, bis die einst so selbstbewusste und durchsetzungsstarke Chemikerin keinen Ausweg mehr wusste. Am 2. Mai 1915 erschoss sich Clara Immerwahr im Garten der Villa in der Moltkestraße mit der Dienstwaffe ihres Mannes. Im Januar 1937 ließ ihr Sohn Hermann ihre Urne in das Grab seines Vaters auf dem Basler Friedhof am Hörnli umbetten. Fritz Haber, der 1918 den Chemienobelpreis für die Synthese von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff erhalten hatte, war 1933 nach England emigriert und 1934 auf der Durchreise nach Israel in einem Hotel in Basel an Herzversagen verstorben.

Obwohl Clara Immerwahr nach der Heirat den Namen ihres Mannes annahm, wird sie in der Literatur – und daher auch in diesem Text – unter ihrem Geburtsnamen genannt. Einem breiten Publikum wurde sie im Jahr 2014 durch den ARD-Fernsehfilm „Clara Immerwahr“ bekannt, der ihre Lebensgeschichte nachzeichnet und dabei vor allem die Frauenfeindlichkeit in der Wissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts thematisiert.

Quellen
G. von Leitner: Der Fall Clara Immerwahr. Leben für eine humane Wissenschaft, Beck Verlag, München, 1994, 2. Auflage
S. Friedrich: Immerwahr, dtv, München, 2007
Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh): Chemikerinnen – es gab sie und es gibt sie, Broschüre 2003, S. 11

Autoren
Prof. Dr. Eberhard Ehlers
Prof. Dr. Heribert Offermanns

Redaktionelle Bearbeitung
Dr. Uta Neubauer

Projektleitung
Dr. Karin J. Schmitz (GDCh-Öffentlichkeitsarbeit)

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